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Laufen als Therapie - die Medizin unserer Zeit?

Es ist 13 Uhr, der Schulgong läutet und ich schnall mir meinen etwas zu schwer geratenen Kasten- Schulranzen, um und renne auf meinem gewohnten Schulweg durch München-Schwabing. Ärgerlich, dass da so viele Ampeln sind, denn eigentlich wäre ich gerne noch schneller daheim, um mein Mittagessen zügig zu erledigen, um dann auf dem Hof ausgiebig Fußball zu spielen. Das schöne ist, dass all meine Kumpels zur gleichen Uhrzeit frei haben, und sich ebenso auf den Nachmittag freuen. Ohne weitere Telefonate beginnt der ausdauernde Nachmittag also pünktlich um 14 Uhr und wird um 17 Uhr nur dadurch wieder aufgelöst, dass sich das Abendessen bei den Spielern ankündigt. 

Das war im Jahre 1990. Angefixt waren wir natürlich durch den großen erfolgt der deutschen Fußballnationalmannschaft in Italien.

10 Jahre später waren die gemeinsamen Nachmittage trotz Mobiltelefonen und Internet schon viel schwieriger zu organisieren. Wenn es dann klappte, saß man dann aber eher vor der Playstation.

Weitere 10 Jahre später war es dann nicht mal mehr nötig für eine Playstation-Session aus dem Haus zu gehen, da man seine Mit- und Gegenspieler ja problemlos online fand. 

Die tägliche Bewegung ist im Umfeld meines eigenen Lebens innerhalb von 3 Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. Ich bin mir sicher, dass einige aus meiner Generation über ein ähnliches Empfinden berichten können.

Auch die Generationen davor berichten sicher über ähnliche jedoch nicht gleiche Phänomene. Die Geschwindigkeit, mit welcher der Bewegungsmangel über unsere Gesellschaft hereinbricht nimmt immer mehr Fahrt auf. Und ein Abbremsen oder eine "Entschleunigung"ist nicht in Sicht. Evolutionär gesehen ist der menschliche Organismus natürlich imstande sich an neue Umweltbedingungen anzupassen. Dies ist jedoch in einem Zeitfenster von gerade mal 30 Jahren unmöglich.

Das Ergebnis dieser Veränderung zeigt sich auch in wissenschaftlichen Arbeiten. Erschreckend ist, dass der Anteil an Bewegung im Leben eines Menschen im Alltag mit zunehmendem Alter schwindet. 

Chronische Leiden wie Rückenschmerzen, Asthma, Diabetes mellitus oder Koronare Herzkrankheit entstehen sicher multifaktoriell, jedoch zu einem nicht unerheblichen Teil sind sie Resultat eines andauernden Bewegungsmangels.

"Klar hätte ich mich mehr bewegen können, doch der Stress des Berufs und der Familie lassen mir da keine Möglichkeit dazu" - hört man es nicht selten von Seiten der Leidenden. 

Die Prävention dieser, durch Bewegungsmangel mit verursachten Erkrankungen ist sicher ein ganz entscheidender Anteil.

Die Datenerhebung und das Screening der Bewegungsarmut ist wohl noch nicht so ausgereift wie die Erfassung anderer Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck, Blutfette oder Nikotin, sie wird aber in unserer zunehmend bewegungsarmen Welt immer wichtiger.

Daher bemühe ich mich in der Erhebung der Krankengeschichte meiner Patienten, dem Anteil Bewegung in der Anamnese vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist nicht immer einfach, da es nun mal Menschen gibt, welche mit Einschränkungen leben, oder durch Krankheiten keine Möglichkeit haben, die Bewegungen beschwerdefrei auszuführen. Daher gilt es, individuell zu erörtern wo die Ressourcen der entsprechenden Person liegen. 

Laufen stellt dabei die einfachste und natürlichste Art der Bewegung dar. Zeigen sich am Bewegungsapparat keine gravierenden Beschwerden oder Einschränkungen,  kann ein Lauftraining  als Therapie (nach richtiger Maßgabe und entsprechend der Indikation) angewendet werden. Ein richtig angewandtes Lauftraining, kann beispielsweise den Verlauf einer hypertensiven Herzerkrankung in der Art positiv beeinflussen, dass der Gebrauch von blutdrucksenkenden Medikamenten reduziert oder gar beendet werden kann. 

Beim sog. Altersdiabetes (Diabetes mellitus Typ II - mehr dazu in folgendem Artikel )  kann ein Lauftraining die Insulinsensitivität der Rezeptoren der Zelle verbessern und den Insulinbedarf des Patienten deutlich senken.

Laufen kann in der Therapie von chronischen Leiden definitiv Abhilfe verschaffen und in der Relevanz einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie Medikamente. Doch beim Laufen, wie bei der pharmakologischen Therapie ist die Compliance (das kooperative Verhalten eines Patienten in der Therapie) und der Umgang mit dem Therapeutikum für dessen Erfolg natürlich genauso entscheidend. 

Die Aussage von Paracelsus " allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift sei", wird immer  aktuell und wichtig bleiben.  Leider Leben wir in einer Zeit der Extreme. Während ein großer Anteil der Gesellschaft sich zu wenig bewegt, gibt es auch einen kleineren Anteil, unter den Menschen, welche sich regelmäßig bewegen, die es übertreiben. Und die Überdosierung des Ausdauertrainings ist leider auch ein Thema, welches mich in meiner Tätigkeit als Sportarzt beschäftigt.

 Falsch dosiert, kann ein Lauf- bzw. Ausdauertraining sogar die gegenteiligen Effekte haben. Durch Übertraining kann es zu einer Überaktivierung der sog. Hypothalamus-Hypophysen- Nebennierenrinden-Achse kommen. Die Folge können Bluthochdruck, erhöhter Zuckerstoffwechsel, Depression und Infektanfälligkeit sein.

Die positiven Effekte des Lauftrainings überwiegen jedoch bei zielgerichteter therapeutischer Anwendung bei weitem die negativen. Richtig angewandt kann das Lauftraining die Lebenserwartung erhöhen und den Verlauf chronischer Erkrankungen positiv beeinflussen oder gar zur Heilung beitragen.

Die Erwägung eines Trainings als Form von Langzeit-Therapie sollte bei jedem Arzt- Patient Gespräch diskutiert werden. Denn so können auch wir Ärzte Schritt für Schritt etwas gegen den sich weiter beschleunigenden Bewegungsmangel unserer Gesellschaft tun. 

Als Patient sollte man sich zu alternativen oder begleitenden Therapiemöglichkeiten bei chronischen Leiden beraten lassen. Laufen kann eine dieser Möglichkeiten sein.

Vielleicht sprechen Sie diese Thematik bei Ihrem nächsten Arztbesuch einfach mal an !

 

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