· 

Laufen im Zeitalter von Tempo und Extremen

Keine Lust zum Lesen, oder möchtest du den Artikel lieber während einem Lauf anhören! Ab jetzt möglich - Abonniere den MarsEndurance Podcast bei Soundcloud !

Ich bin Jahrgang 1981, aufgewachsen mit Telefonen mit Wählscheibe und ohne Handy. Irgendwann brachte mein Vater den ersten PC mit nach Hause. Ein 286er. Von da an konnte ich stetig mitfiebern, wie die Prozessoren der Computer schneller und schneller wurden, und die Grafik der Computerspiele immer hochauflösender. Schon damals war die Freude an etwas neuem nicht von ewiger Dauer, da man schnell durch die flotteren und schnelleren Neuheiten signalisiert bekam, dass der eigene lang ersparte Schatz schon wieder Oldschool ist.

Seit den späten 90er Jahren dürfen wir den gleichen Verlauf bei Handys beobachten und spätestens seit Einführung des iPhone im Jahre 2007, stellen wir jedes Jahr fest, dass unser Smartphone vielleicht bald ein Upgrade braucht um unseren Drang nach Zufriedenheit für einen Moment zu stillen.

Auch die Sportwelt bleibt von der rasenden Veränderung nicht unberührt. Jährlich kann man sich in puncto Funktionskleidung oder Technik updaten. Wenn es der eigenen Motivation oder Zufriedenheit dient ist dagegen auch nichts einzuwenden. Erschreckend ist nur, dass der Moment der Zufriedenheit scheinbar immer kürzer zu werden scheint. Und laufen wir nicht eigentlich genau aus diesem Grund? Um wieder zu uns zu finden - Um einen Ruhepol in uns und in der Natur zu entdecken - um festzustellen, dass es in dieser hektischen Welt doch noch Momente gibt in denen die Uhren anders ticken, oder vielleicht gar nicht benötigt werden....?

 

Nicht selten betreue ich Sportler mit Überlastungsschäden oder schaue in ratlose Gesichter die mich Fragen, wie sie denn nur endlich wieder ihre Topform erreichen können. Das Laufen gilt als eine der gesündesten Sportarten. Der Laufsport vereint so viel positives in sich, und kann zu einem ganz neuen, gesünderen Lebensstil verleiten. Nur kann man sich auch definitiv kaputt rennen. 

"Pain is temporary, pride lasts forever" , sehe ich zu Genüge als Posting in den Sozialen Netzwerken, scheinbar als Motivator um den Schmerz, den ein Wettkampf nun mal mit sich bringt, zu kaschieren und in ein anderes Licht zu stellen. Da stimme ich voll und ganz zu. Nur erschreckt es mich, wenn dieser Stolz nach Zieleinlauf gerade mal für 2 Wochen anhält. Denn dann geht es zum nächsten Großprojekt. Und da möchte man mindestens genauso glänzen.

Wenn dann aufgrund einer Verletzung, das Lauftraining erstmal nicht mehr möglich ist, bricht eine Welt zusammen. Auch ich kenne die innere Unruhe, wenn ich wegen einer Erkältung länger pausieren muss. Wir sind nun mal Bewegungstiere, und die Bewegung auf den eigenen 2 Beinen ist die natürlichste Art für uns. Dennoch sollten große Momente länger halten und die durch das Laufen erlangte Zufriedenheit nicht von mal zu mal schmäler werden.

Kilian Jornet, der spanische Ausnahmeathlet, hat mittlerweile nahezu alle Rekorde für die schnellste Besteigung zahlreicher Berge dieser Welt. Nur das Dach der Welt , das fehlt ihm noch. In Kürze plant Klilian die schnellste Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff. Auch ich fiebere für dieses Projekt.

mehr zum Projekt Artikel der FAZ

Solche Athleten sind Idole und irgendwie Helden. Aber es sind Spitzensportler. Professionelle Läufer, welche Ihren Lebensunterhalt durch die tägliche harte Arbeit des Trainieren verdienen. 

Ich erinnere mich noch gut an die Hinweise von Thomas Gottschalk zu Zeiten von Wetten dass, als er lustig mahnend davon abriet, dass Kinder so etwas zu Hause nicht nachmachen sollten. So ein Moderator würde hin und wieder auch im Social Web einen guten Dienst leisten. Manchmal scheint das blaue Netzwerk wie eine einheitliche riesige Challenge. Wer ist schneller, wer läuft mehr Höhenmeter in einer Woche, usw....

Laufen ist und bleibt für mich der schönste Sport der Welt, denn er ist simpel, gesund und höchst effektiv. Doch erst nach vielen Jahren des regelmäßigen Laufens verspürt man so wirklich, dass er mehr bedeutet als "persönliche Bestzeit", "Umfang" oder "Höhenmeter".  Und am Ende möchte ich mich nicht wie das iPhone der ersten Generation fühlen, welches erst so energiereich und neu erschien, und nun zum ewigen Schlaf verurteilt ist.

Der wahre Kern des Laufens steckt wie so vieles auf dieser Welt im Inneren und weniger in der Außenwelt, auch wenn die vielen Wettkämpfe durchaus hilfreich seien können, um ein vorübergehendes Motivationsloch mal zu füllen.

 

#KeepOnRunning, doch lauft euch nicht kaputt !

Bleib auf dem Laufenden und abonniere den Newsletter

Online Training

Nutze unser Online Training - bring dadurch durch eine kontinuierliche Trainingsbegleitung Struktur in Dein Training und werde fitter und minimiere Dein Risiko für Übertraining und Verletzungen mehr


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Christian (Sonntag, 23 Oktober 2016 11:01)

    Sicher hast Du mit Deinen Bedenken Recht, und keiner ist gefeit davor, auch mal an seine körperlichen Grenzen zu stoßen. Man muss mit diesem Rüffel dann eben entsprechend umgehen und daraus lernen.
    Das Laufen, finde ich - besonders, wenn wir uns im Ultrabereich bewegen - erfordert aber nicht nur körperliche, sondern auch mentale Höchstleistungen. Ich finde, jeder Läufer sollte sich nicht nur physisch weiterentwickeln, denn es gehört auch ein entsprechend abgeklärter Geist dazu. Man muss immer in sich hineinhören und einschätzen lernen, wie weit man (im wahrsten Sinne des Wortes) gehen kann, welche Pausen man benötigt usw. Und man muss seine Ziele entlang dieser Erkenntnisse und der Fähigkeiten planen und angehen. Für mich ist das eine der zentralen Herausforderungen, ein Kampf gegen mich selbst, aber auch für mich. Dazu gehören aber nicht nur Tempotrainings, sondern auch der Umgang mit Rücckschlägen und der Stolz (und damit meine ich einen inneren, ganz mit dem Selbst verhandelten Stolz), wenn man wirklich Fortschritte gemacht hat.
    Vielleicht kann man auch sagen: man muss innerlich gefestigt sein, um sich eben nicht mitreißen zu lassen, um nicht völlig zu übertreiben, sondern genießen, was man gerade erreicht hat.

  • #2

    Marius (Sonntag, 23 Oktober 2016 14:51)

    Danke für deinen Beitrag Christian! Ultralaufen ist eine enorme Herausforderung, und das vor allem für den Geist... nur erfordert es viele Trainingskilometer, viel Zeit und vor allem viel Regeneration, auch für den Geist!!! Der überwiegende Anteil der Ultraläufer lebt nicht vom Laufen, und arbeitet bis zu 40 Std/Woche... darin besteht die Gefahr... wer sich in einem neuen Lebensabschnitt befindet, oder mehr Zeit hat, für den kann es eine sehr bereichernde Erfahrung sein, und das für Körper und Geist

Unterstützt bei läuferischen Aktivitäten u.a. von diesen starken Partnern:

Finde uns auch bei Facebook und Instagram und iTunes