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Transvulcania 2015 - ein lang geplanter Wettkampf mit einem unerwarteten Ende

Transvulcania - was bedeutet das..... als ich das erste mal auf der Isla Bonita war, bin ich bisher im Wettkampf nicht weiter als 21,1 Km gelaufen. Ich war damals kurz nach der Transvulcania 2012 angekommen und hab noch überall die Plakate gesehen. 

Ich war zwar zuvor schon Trailrunner und bin gerne im Gelände gelaufen, aber ein Ultra-Tail über die gesamte Insel durch die atemberaubende Natur dieser einzigartigen Insel hat mich damals schwer beeindruckt.

Somit ist im letzten Sommer die Entscheidung gefallen, diesen Ultra zu laufen, und es sollte ein ganz besonderes Erlebnis werden.

Angekommen bin ich am 05.05.2015 mit einem Flugzeug voller Trailrunner auf der Insel. Mit dem Mietwagen ging es dann Richtung Süden der Insel nach Los Canarios, einem kleinen Dorf,  ca. 6km und 700m oberhalb des Starts der Transvulcania. Die Unterkunft hat sich als Perfekt erwiesen. Ein Zimmer in einer kleinen Pension, mit eigener Küche und einer großen Terasse. Neben der Terasse lag eine große Wiese auf der ein netter Esel kampierte. Er hat mir bei meinen Malzeiten auf jeden Fall immer nette Gesellschaft geleistet.

Die nächsten Tage vor dem Wettkampf ging es noch 2 mal auf kurze Streckenchecks. Es hat irre Spaß gemacht auf den Trails hier auf weichem Vulkansand zu laufen. Ich musste mich beide Male sehr zurück halten, um nicht einen zu hohen Umfang zu laufen. Somit bin ich am ersten Tag 15 Km mit 250 positiven Höhenmetern und am Folgetag noch mal 10 Km mit einem Anstieg von 500m gelaufen. Dann sollte es gut sein. 

Tja, und dann stand in meinem Kopf eigentlich nur noch der Gedanke an das Rennen. Am Donnerstag ging es noch zum Strand von Tazacorte, um den Vertical der Transvulcania anzusehen. Somit hatte ich dann auch die Möglichkeit die sympathischen Läuferinnen aus dem Salomon-Team, Emelie Forsberg und Anna Frost aus der Nähe zu sehen und anzufeuern.

Den Freitag (Tag vor dem Rennen) verbrachte ich dann ganz ruhig im Zielort Los Llanos. Im Gespräch mit den Einheimischen erfuhr ich als Tip für das Rennen immer nur eins - "bebe mucho agua - Trink viel Wasser". Schon am Tag vor dem Rennen war ich ständig bewaffnet mit einer großen Wasserflasche unterwegs. Die Hitze war der Faktor, welcher mir am meisten Respekt einflößte. Somit war mein Nachtschlaf vor dem Rennen auch eigentlich in 30 minütigen Abständen durch einen Gang zur Toilette unterbrochen, mal abgesehen davon, dass ich total nervös war.

Samstag früh um 2 Uhr konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich musste aufstehen.... Also raus aus dem Bett.

Rein in die Wettkampfkleidung... noch die nichtbedeckten Stellen ordentlich mit Sonnencreme einsprühen und einen Kaffee. Danach gab's die Jabra Kopfhörer ins Ohr... mit  "Superheroes" von The Script stand ich auf meiner Terrasse, der Blick auf den Sternenhimmel  über der Isla Bonita - ein Blick nach rechts, denn genau dort wird in 5 Stunden die Strecke der TV entlang führen.... doch noch ist alles ruhig, keine Menschenseele auf der Straße. Ich atme tief ein, und mir wird bewusst, dass heute ein besonderer Tag wird.

Nach einem kleinen Minifrühstück bestehend aus Kaffee, 1 Banane und einem Pan leche (Milchbrötchen) und natürlich einem halben Liter Wasser mache ich mich auf den Weg Richtung Busstation. Die Blase drückt schon wieder... Ich gehe in eine noch geöffnete Kneipe, in welcher noch 5 sturzbetrunkene Canarios ihren letzten Absacker runterspülen. "Mucha Suerte y animo" lallen sie mir hinterher als ich zum Bus gehe. Oh ja, ich bin wirklich nervös, und gedanklich schon am Start beim Leuchtturm. Auf einer kurvigen Strecke geht es hinunter zum Leuchtturm von Fuencaliente. Unten angekommen ist die Atmosphäre einzigartig. Es bläst ein frischer Wind und man hört das Wellenrauschen. Nach und nach finden sich die 1800 Trailrunner in der Startaufstellung ein. Und so langsam beginnt bei mir, mit der lauten Musik das Herz schneller zu schlagen. Ich war noch nie so früh in der Startaufstellung eines Rennens (2 Stunden vorher), aber es ist eben organisatorisch auch nicht so leicht 1800 Läufer an einen recht überschaubaren Start zu befördern. 

Die Champions und großen Namen aus der internationalen Trailrunning-Scene werden vorgestellt. Unter anderem am Start, der Vorjahressieger Luis Alberto, Emelie Forsberg und Ryan Sandes aus Südafrika.

Dann vergeht die Warterei plötzlich doch ganz schnell. Ich habe mich sehr weit vorne eingereiht, weil meine Taktik war, vor der großen Hauptmasse in den relativ schmalen Anstieg zu kommen.

Und auf einmal sind es nur noch 10 Sekunden. Alle Zählen laut mit. Die Beleuchtung geht aus. Ich mittendrin in einem Lichtermeer aus Stirnlampen. Startschuss - unglaublich - es geht endlich los. Es geht eine kurze Rampe hoch und dann eine Runde um den  Leuchtturm. Danach geht es in den Anstieg. Es geht hoch über ca. 7 Km nach Los Canarios, dem Ort meiner Pension. Die Strecke ist gut zu laufen, aber der weiche Vulkansand-Boden verlängert die Abdruckphase beim Laufen und kostet zusätzlich Kraft. Immer wieder drehe ich mich um und sehe die lange Lichterschlange die sich den Berg hinaufwindet.... ein einzigartiger Anblick... für mich so atemberaubend, dass sich mein Blick kurz festbeißt und ich nicht merke das ich gegen einen großen Vulkanstein stoße. Der Länge nach legt es mich hin im Dunklen. Schnell aufgestanden, und ein kurzer Check.... außer einer kleinen blutenden Risswunde am linken Daumen ist alles ok. Weiter gehts...Ich komme gut in den Tritt, und nach ca. 54 Minuten passiere ich die erste Verpflegungsstation in Los Canarios. Was sich hier abspielt ist unbeschreiblich. Noch die Tage zuvor hat man in diesem verschlafenen Ort kaum eine Menschenseele auf der Straße gesehen. Jetzt ist die gesamte Bevölkerung um kurz vor 7 am morgen auf der Straße. Die Stimmung gleicht einem Volksfest. "Animo Animo Campeon" schreien sie alle. So etwas habe ich bei einem anderen Wettkampf noch nicht erlebt. Mir werden meine Trinkflaschen entgegen genommen und aufgefüllt. Sie klopfen mir auf die Schulter und feuern mich weiter an. Dafür liebe ich diese spanische kanarische Mentalität - Leute in Deutschland, da habt ihr echt noch Nachholbedarf (leider habe ich während des Rennens nicht gefilmt, es gibt aber ein Video von Steve Auch, welches diese Stimmung gut einfängt - er hat auch einen unglaublich schönen Wettkampfbericht geschrieben - wenn ihr Zeit habt, schaut doch mal vorbei - Bericht von uptothetop

Mit einer Gänsehaut laufe ich weiter in den Wald in Richtung El Pilar. Langsam geht die Sonne auf und es wird heller. Hier läuft noch alles sehr geschmeidig. Die Garmin Fenix zeigt mir den Anstieg an, und es geht höher und höher. Ich blicke nach rechts und bemerke, dass wir schon über den Wolken sind. Aus dem Wolkenmeer taucht im Osten mein geliebter Teide (höchster Berg Spaniens auf Teneriffa, 3718 m) auf, und die Gänsehaut lässt einfach nicht nach. Am liebsten würde ich einmal laut losschreien, weil dieses Gefühl mich gerade überwältigt. Doch ich halte inne und laufe mit kurzen Schritten den Anstieg weiter.

Ich erreiche die 2. Verpflegung kurz vor dem Punkt Las Deseadas. Wieder werden mir meine Flaschen mit eiskaltem Wasser befüllt. Ich denke, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt schon Fehler gemacht habe. Fehler Nummer 1 war ein zu schneller Start, ich wurde einfach von den Emotionen und der Landschaft mitgerissen... zum anderen habe ich einfach immer nur Wasser getrunken ("bebe mucho agua").... an Elektrolytgetränke habe ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht.

Weiter ging es mit einem Downhill in Richtung El Pilar, dem Ziel für den Halbmarathon, und dem Start des Marathons.

Nach 3h 14 min Laufzeit passierte ich El Pilar. Nach einem Flaschen-Refill  gönnte ich mir ein Pan Leche, welches ich aber irgendwie nur schwer runter bekam. Nun kam ein Streckenabschnitt, welcher eigentlich genau nach meinem Geschmack ist. Ich bin eben auch ein leidenschaftlicher Straßenläufer, und diese Feldwegautobahn die jetzt vor mir lag sollte eigentlich perfekt für mich sein. Ich begann einen zügigeren Laufschritt und in diesem Moment fing es an: Beide innere Oberschenkelmuskeln (M. quadriceps femoris -Vastus medialis) begannen auf einmal zu krampfen. Ich konnte das Tempo nicht forcieren und musste in einem für mich untypischen Fersenlaufstil weiter laufen. Am Streckenrand stand auf einmal Anna Frost (sie lief dieses Jahr nur den Vertical, und hat den Ultra ausgelassen) und feuerte an.

Das gab Motivation, aber ich wusste, dass Probleme auf mich zukamen. Ab jetzt hieß es "Elektrolyte müssen her".

Ich kam bei der nächsten Verpflegung an (El Reventon) und musste feststellen, dass ich schon dort etwas zermürbt von der Hitze war. Ich hob meine Cap hoch, nahm meine Sonnenbrille ab, und ließ mir eine Karaffe Wasser über den Kopf gießen. Danach war ich komplett verwirrt, und fragte den Verpfleger erstmal, ob er meine Sonnenbrille gesehen habe - esta en tu mano !! - in deiner Hand !! - Oh mann, da stand ich echt schon etwas neben mir. Ich kippte Elektrolytgetränke in mich hinein und eine eiskalte Cola. Auf einmal stand Ryan Sandes neben mir, und sah ziemlich genervt aus. Ich konzentrierte mich wieder auf das Auffüllen mit Elektrolyten - Wenn Ryan Sandes an der gleichen Verpflegung ist wie ich, kann ich ja gar nicht so viel Zeit verloren haben, dachte ich mir.... schaute mich nochmal nach ihm um, aber er war weg. Mit neuer Motivation lief ich los in den nächsten Anstieg. Keine 2 km später erfuhr ich, dass Ryan Sandes an der Station war, weil er ausgestiegen ist.... Die Motivation war dahin. Wenn Ryan Sandes aussteigt, und ich hier schon bei Km 30 mit Krämpfen kämpfe,... wie soll das nur werden. Ab jetzt begann der Kampf "Kopf gegen Körper". Die nächste Verpflegungsstation lag noch 10 km entfernt. Das erste mal kam jetzt der Gedanke auf, bis zur nächsten Verpflegung zu laufen, um dann zu pausieren, und zu sehen ob es noch weiter geht. Es wurde immer heißer. Wir schlängelten uns die Aufstiege Richtung Roque de los Muchachos hoch. Wirklich Schatten gab es jetzt nicht mehr. Es war heiß, und die Luft war staubtrocken. Mein gesamter Mundraum trocknete innerhalb von Sekunden komplett aus. Ständig musste ich Flüssigkeit nachkippen. Langsam entwich mir die Kraft in den Beinen, und das krampfende Gefühl in den inneren Oberschenkelmuskeln blieb seit  El Pilar mein ständiger Begleiter. 

Der Gedanke an eine Kalte Dusche und eine eiskalte Cola machte sich immer breiter in meinem Kopf. Die Flaschen wurden leerer und leerer. 

Ich musste trinken, es ging nicht anders. Langsam entwickelte sich ein Tunnelblick. Langsam setzte ich einen Fuss vor den anderen. An Laufen war jetzt nicht mehr zu denken.... ich wanderte. Ich musste mich verpflegen und zwar schnell. Ich fühlte mich wie in Trance, und hatte langsam Angst, dass es mir bald den Stecker ziehen würde. Ich hatte nun kein Wasser mehr. Am Streckenrand standen dann einige Canarios mit Apfelstücken auf einem Teller. Ich griff hinein und versuchte alle Flüssigkeit aus dem Obst zu saugen. Ich war am Ende. Kurz vor der Verpflegung überholte mich noch Lars, mit dem ich vorher auch auf der Insel unterwegs war (er lief den Marathon). Er gab mir dann noch einen großen Schluck aus seiner Salomon Soft Flask. Doch dieser Schluck hielt nicht lange an. Ca. 1 km vor der Verpflegung war ich wieder komplett ausgetrocknet. Ein Spanier hat mir dann seine Aquarius Flasche überlassen. Doch ich bekam nichts mehr runter. Der süße Geschmack des Getränks brachte mich zum würgen. Irgendwie bin ich in die Verpflegungstation am Pico de la Cruz eingelaufen. Ich hab mich hingesetzt und einfach nachgedacht. Über 30 Km liegen noch vor mir. Der meiste Anstieg ist geschafft (ca. 3700m). Aber der ganze lange Downhill hinunter bis zum Strand in Tazacorte liegt noch vor mir. Muskulär wäre die Rechnung nicht aufgegangen. Ich kämpfte seit Km 24 mit Krämpfen, und krampfend in so einen langen Downhill zu gehen ist mit Sicherheit keine gute Idee. Es dauerte ca. 10 Minuten. Dann rief ich die Helfer, und gab bescheid, dass ich aus dem Rennen aussteigen werde. Per Funk gaben sie meine Startnummer durch, und es ging ab in den Bus. Das Foto, welches ich kurz vor dem Einschlafen (ich fiel im Bus von einer Sekunde auf die andere in einen bleischweren Schlaf) geschossen habe möchte ich euch nicht vorenthalten:

 

Aufgewacht bin ich kurz vor dem Zielort Los Llanos, weil mein Hintermann sich in seine Cap übergeben musste.

In Los Llanos bin ich dann erstmal an eine Bar, habe mir einen Bocadillo mit Fleisch geholt und dazu ein kühles Bier. 

Danach bin ich zum Zieleinlauf, und habe die Finisher angefeuert. Das war also mein erstes DNF. Ich bin dennoch froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, auch wenn ich sie lieber in einem anderen Rennen gemacht hätte. Ich möchte an dieser Stelle nochmal allen Finishern zu dieser grandiosen Leistung gratulieren, u.a. Hans Hörmann, Lars Ruhm, Steve Auch, Nadine Wolff, Django Asül, Carsten Drilling und vielen anderen.....


Außerdem möchte ich mich ganz herzlich für die hervorragende Unterstützung meines Sponsors www.enzymkraft.de bedanken, und ganz ein dickes Dankeschön an Nils Stelter von www.under-pressure-sox.de für die Bereitstellung einer super Kompression für das Rennen.

 

Die Isla Bonita hat mich auch bei diesem Aufenthalt wieder sehr verzaubert....für mich ist und bleibt es ein ganz besonderer Ort, und eines ist sicher:

 

Wir sehen uns 2016 am Start am Leuchtturm von Fuencaliente - Nos vemos en 2016 :-)

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Nagetier (Donnerstag, 14 Mai 2015 16:53)

    Guter ehrlicher Bericht zu krassem Rennen.
    Jetzt kennst Du einen Teil des Rennens. Die TV beginnt am Muchachos. ;-)
    Wünsche Dir gute Verarbeitung und ... einmal Transvulcania immer Transvulcania.

  • #2

    Steve (Donnerstag, 14 Mai 2015 18:21)

    Danke für den Bericht und den Link

    Ich werde an meiner Taktik auch noch einiges umstellen müssen. Das Tempo war gut, aber das Wasser und evtl. das fehlende Salz haben dann zugeschlagen.
    Jetzt bleibt ja mindestens ein Jahr Zeit! ;-)

  • #3

    Topper (Freitag, 15 Mai 2015 07:34)

    Sehr schön zu lesen, hatte Gänsehaut :-)
    Nächstes Jahr läufts !!

    Grüsse aus Zürich

  • #4

    Miguel González Santos (Freitag, 15 Mai 2015 12:22)

    Enhorabuena, campeón !!! El reto no siempre es ganar sino sobreponerse y crecer en las dificultades. Tu propósito de intentarlo de nuevo es tu principal victoria. Me ha emocionado tu relato que ha hecho Saltar las lágrimas. Gracias por compartirlo, Marius. El universo te compensará tu esfuerzo.Un fuerte abrazo

  • #5

    Marius (Freitag, 15 Mai 2015 20:30)

    Muchisimas Gracias Miguel :-)

    Vielen Dank Topper!!!!

  • #6

    Cornelia Hilka (Freitag, 15 Mai 2015 22:54)

    Wow Marius, Dein Bericht hat mich total fasziniert. Gerade zu emotional und wahnsinnig spannend. Es muss dort unglaublich gewesen sein und diese Erfahrungen bringst in 2016 mit und dann klappt es. Du hast alles richtig gemacht. Ganz liebe Grüße Cornelia

  • #7

    Sabrina (Montag, 04 April 2016 14:03)

    Hey,

    und stehst Du dieses Jahr wieder an der Startlinie? In jedem Fall viel Erfolg!

    LG Sabrina

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